Krankheitsvorsorge & Gesundheitsfürsorge
Bandscheibenvorfall

Von den möglichen Lähmungen beim Hund, der ja bekanntlich nach Schopenhauer die beste Akquisition des Menschen überhaupt ist, möchte ich 2 Formen vorstellen die er mit seinem Herrn gemeinsam haben kann.

Es ist nämlich durchaus denkbar, daß Sie selbst einmal mit dieser Krankheit in Berührung kommen, wenn Sie einen eigenen Hund haben oder einmal von Patienten um Hilfe für deren Tier gebeten werden. Ein guter Arzt hilft ja jedem kranken Geschöpf, wenn er es vermag. Umgekehrt geht es mir als Tierarzt mitunter ebenso. Überrascht von der schnellen Heilung ihrer Tiere, werde ich oft von Klienten um Rat abgegangen, den ich begreiflicher Weise versagen muß. Aber ab und zu überkommt mich doch der puritus curandi. Wenn ich dann einen Menschen sehe, der seine 10 Jahre bei vielen Ärzten abgelaufen hat und so offensichtlich nach seinem Mittel >>schreit<<, dann kann ich einfach nicht anders. Dem Tierarzt fehlt das verbindende Gespräch mit seinem Patienten, der persönliche Kontakt, wie er in der menschlichen Unterhaltung gegeben ist. So hat er folgerichtig oft den Drang, seine Heilmethodik anderweitig bestätigt zu finden und die Universität der Homöopathie immer wieder neu zu entdecken. Denn ein Naturgesetz ist für alle lebenden Wesen universal gültig, gilt für Mensch und Tier und auch für Pflanzen, wie man es an der Behandlung der Kräuselkrankheit der Pfirsichbäume in seinem eigenen Garten durch Silicea D 6 bestätigt bekommen kann.

Von den Teckeln werden Sie bereits gehört haben, daß sie in einem gewissen Alter, meist zwischen 3 und 5 Jahren, aber auch später, häufig der sogenannten >>Teckellähme<< ausgesetzt sind. Das ist ins Menschlich übersetzt: der Bandscheibenvorfall. Nach den grundlegenden Untersuchungen von Frauchinger und Fankhauser, von Tillmanns, Riser, Hansen u. a. besteht kein Zweifel darüber, daß zwischen dem Bandscheibenvorfall des Menschen und dem der Tiere, insbesondere der Hunde, eine deutliche Parallele besteht. Im Prinzip handelt es sich um die gleiche Krankheit.

Wir haben den partiellen und den totalen Vorfall. Wir haben die degenerativen Veränderungen der Disci intervertebrales, die die Voraussetzung zu den dorsalen Discus-Protrusionen beim Hund genauso wie beim Menschen bilden. Bei den Hunderassen sind es vier, die eine größere Häufigkeit vonDiscus-Degenerationen und Vorfällen als andere Rassen, und zwar der Dachshund in all seinen Spielarten, der französische Bulldog, der Pikenese und der Spaniel, wobei bemerkenswert ist, daß schon bei jugendlichen Tieren, ja sogar schon bei Welpen, Modifizierungen bei enchondralen Ossifikationen auftreten können, also angeborene Störungen des Knorpelwachstums. Der Vorbericht lautet dann, daß der junge Hund mitten im Spiel oder beim Spaziergang plötzlich nicht mehr weiter konnte, sich hinlegte, für kurze Zeit gelähmt war, dann aber lustig weitersprang, als sei nichts geschehen.

Das ist also ein Vorreiter für das erste klinische Auftreten, das allgemein zwischen 3 und 5 Jahren, gelegentlich auch schon im 1. Lebensjahr erfolgt. Ein Protaps von Discusgewebe setzt seine Degeneration voraus. Ohne Discus-Degeneration keine Discus-Protrusion. Die Discus-Degeneration ist eine System-Erkrankung als Folge eines Konstitutionsmangels dieser Rasse. Deswegen sehen wir das Auftreten in relativ jungen Jahren.

Ein ähnlicher Vorgang kommt bei allen Rassen in einem höheren Lebensalter vor. Er ist sozusagen ein Altersphänomen. Das sind die beiden Formen von Lähmungen beim Hund, mit denen ich Sie bekannt machen möchte: die erste Form, konstitutionsgebunden, in den besten Jahren; die zweite Art, als Alterserscheinung, bei allen Rassen. Beide treten unter dem pathologisch-anatonomischen Bild eines Bandscheibenvorfalls auf. Es muß erwähnt werden, daß bestimmte Stellen der Wirbelsäule viel häufiger der Gefahr eines Discus-Protaps ausgesetzt sind, was ganz sicher mit der erhöhten mechanischen Beanspruchung zusammenhängt. So finden wir im Bereich der ersten 9 Brustwirbel niemals einen Protaps, weil hier das Ligamentum conjugale costae einen zusätzlichen Schutz der Bandscheibe darstellt. Der Prolaps findet meist im thorakolumbalen und zervikalen Abschnitt statt. Eins ist gewiß, der Vorfall selbst ruft keine klinischen Erscheinungen hervor, auch die Degeneration des Discus geht unbemerkt vor sich. Erst der Druck des vorgefallen Nucleus-polposus-Gewebes auf das Rückenmark oder die abgehenden Nervenwurzeln bringt Symptone hervor, die also vorwiegend solche des betroffenen peripheren Nervensystems sind. Warum ist nun ein Bandscheibenvorfall beim Hund so folgenschwer, wie wir es doch beim Menschen kaum kennen?

Es liegt trotz des gleichen Prinzips an den verscheidenen anatonomischen Verhältnissen : Das Rückenmark reicht beim Hund bis zum 7. Lendenwirbel (der Hund hat 7 Hals-, 13 Brust- und 7 Lendenwirbel), und die Mehrheit der Vorfälle liegt am Übergang vom Brust- zum Lendenabschnitt der Wirbelsäule. Diese ist gleichzeitig der engste Teil des Wirbelkanals überhaupt. Die Vorfälle verursachen eine Kompression des Rückenmarkes selbst. Deswegen sind die Symptome viel ausgeprägter und gravierender als beim Menschen. Denn bei diesem überwiegen die Protrusionen im Bereich der letzten Lendenwirbel und verursachen dort meist nur eine Kompression der Nervenwurzeln und der Clauda equina. Die gewöhnlichen chronischen Fälle beim Hund haben meist die folgende Reihenfolge der Symptome: Schmerz, Koordinationsstörungen, Parese, spastische und schließlich schlaffe Paralegie. Hochakute Fälle zeichnen sich aus durch die Plötzlichkeit der Symptome, von einer Stunde zur anderen, die meist durch eine besondere körperliche Überanstrengung ausgelöst werden.

Wie sind nun die Krankheitserscheinungen, die zur Wahl des angezeigten homöopathischen Mittels führen? Beim Hund unterscheiden wir 4 Symtomen-Komplexe, die unsere Mittelwahl bestimmen: Der Schmerz kann abdominal, aber auch lumbal oder auch generalisiert sein. Daraus resultiert Bewegungsunlust, das heißt das Tier läuft mehr oder weniger lange und bleibt dann zitternd stehen. Es kann keine Treppen steigen und springt nicht mehr hoch. Es schreit oft vor Schmerzen auf, auch während des Liegens. Fast immer ist der Schmerz auslösbar, wenn man die Tiere hochhebt. Diese Art von Schmerzzuständen erlaubt noch keine Mittelwahl. Betrachten wir uns das leidende Tier näher, dann merken wir , daß alle Reflexe erhöht sind und die Muskelbewegungen bisweilen spastisch sind. Die Bauchmuskulatur wird bei Berührung der Flanken bretthart. Auch die Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen und Licht ist erhöht. Der Hals ist gestreckt, was besonders bei zervikalen Vorfällen stark auffällt - ein Bild, das man oft als Rheumatismus diagnostiziert findet. Reflektorisches Erbrechen findet man öfter in diesem Stadium. Das zweite Stadium ist das der Parese oder der Koordinationsstörungen oder beides zusammen. Der Schmerz kann auch hier gleichzeitig vorhanden sein und ebenso die allgemeine Überempfindlichkeit. Je nach Läsion des Rückenmarks können einseitige Paresen, Nachschleifen der Zehe oder auch der ganzen Gliedmaßen daraus resultieren. Vorfälle im Halswirbelbereich können zur Parese aller 4 Gliedmaßen führen. Meist aber betrifft sie nur die Streckmuskulatur einer Vordergliedmaße oder die oder die Gliedmaßen einer Körperseite, die dann oft das Bild einer Radialis- oder Fibularislähmung vortäuschen.

Mit Nux vomica in diesen beiden Stadien hat man immer Erfolg. Die Potenz ist in akuten Fällen gleichgültig, weil in akuten Fällen erfahrungsgemäß alle Potenzen heilen. Aus psychologischen Gründen wählen wir die D6, wovon wir den Besitzer alle 2 Stunden 1 Tablette zerpulvert auf die Zunge geben lassen. Auch nach Abklingen der Schmerzsymptome, meist nach 48 Stunden, lassen wir Nux nomica noch wochenlang 3mal am Tge geben und schließen in der Nachbehandlung eine Behandlung der Konstitution ein, die sehr oft Sultur, Calcium, Argentum nitricum oder Phosphorus ist. Das dritte Stadium: die spastische oder, anschließend an diese, die schlaffe vollständige Lähmung der Hinterhand mit Harn- und Kontinkontinenz ist an und für sich nicht sehr häufig. Die Tierhalter, in der Stadt zumindest, kommen schon meistens bei Frühsymptomen mit ihrem Hund in die Sprechstunde. Wenn man sein Klientel richtig erzogen hat, dann können diese Stadien vermieden werden. Aber auch bei der spastischen Form hilft Nux nomica noch eindeutig mit Wechselgaben von Lathyrus sativus in Hochpotenz. Das ist die eigentlich beidseitige Querschnittslähmung, die das im allgemeinen so bekannte und schwere Krankheitsbild darstellt. Bei den schlaffen Formen, die meist von außerhalb in die Praxis gebracht werden und oft schon wochenlang bestehen und die man der Entfernung wegen nur selten wiedersieht, hat sich Paralysin (jetzt Elhapargen, Fa. Elha, Oberursel) bewährt, ein Komplexmittel aus Alumina, Amica, Arsenicum aldendron, Nux vomica und Zincum sulfuricum D 2 bis D 10. Eine Notlösung, zugegeben, aber es ist unmöglich, dann aus dem Vorbericht und dem unergiebigen Krankheitszustand auf ein Einzelmittel zu schließen. Nach geduldigem Anwenden sind die meisten schlaffen Formen damit gut beeinflußbar, wenn man nicht eine chirurgische Discus-Fensterung vorzieht. Das vierte seltene Bild eines Bandscheibenvorfalls ist das einer aufsteigenden progressiven Paralyse. Ich habe es nur einmal in meiner vorhomöopathischen Ziet erlebt und nicht erfolgreich behandeln können. Dieser Komplex wird durch einen akuten Discusvorfall nach heftigster Überanstrengung ausgelöst. Der motorischen Paralyse der Nachhand mit Harn und Kontinkontinenz folgt bei vollem Bewußtsein eine aufsteigende Paralyse mit Zwerchfell-Lähmung. Cocculus oder Conium wären hierbei wohl angezeigt. Das homöopathische Mädchen für alles , Nux vomica, hilft also beim Großteil dieser Lähmungen. Man ist fast geneigt, es als spezifisch zu bezeichnen. Sollten Sie jemals einen solchen >>armen Hund<< sehen, dann denken Sie daran. Mit oder ohne wissenschaftliche Begründung und pathologischeAnatomie: allein die Symptome sind arzneimittelbestimmend. Interessant ist nebenbei die Beobachtung, daß alle befallenden Tiere einen latenten Leberschaden haben. An Nux vomica sollte man aber auch bei der zweiten Form dieser Lähmung denken, an die bereits vorher erwähnten Altersschäden, die bei jedem Tier auftreten können. Man wird sie freilich nur beim Hund oder bei der Katze feststellen können, weil Nutztiere ja nie dieses Alter erreichen. Auch wenn dabei die typischen Symptome von Nux nicht so deutlich ausgeprägt sind, seine Anwendung führt in der Mehrzahl der Fälle zum Ziel, sofern noch überhaupt ein Reaktionsvermögen vorhanden ist. Das ist ja die Voraussetzung in jedem Falle für eine Besserung, wenn auch beim Bandscheibenvorfall von einer Heilung oder restitutio ad integrum natürlich nicht gesprochen werden kann. Mit diesem homöopathischen Mitteln und in diesem Geiste aber schließt der Heilkünstler - wie Hahnemann in der 1. Auflage des >>Organon<< sagt - sich unmittelbar an den Weltenschöpfer an, dessen Geschöpfe er erhalten hilft und dessen Beifall sein Herz dreimal beseeligt. Zusammenfassung: Der Bandscheibenvorfall beim Hund verläuft infolge der anatomischen Ausgangslage trotz gleichen Prinzips wesentlich schwerer als beim Menschen. Er ist mit den homöopathischen Mitteln Nux vomica und Lathyrus sativa gut und schnell beeinflußbar.

 
 

 

 



nach oben

© by JMK! Digitales Mediendesign 1999 - 2001