Der echte, führige Schutzhund

B: Arbeitsweise und Schutzdienst

Die Leistungen des Hund-Mensch-Teams im Beute- und Sozialbereich des Schutzdienstes sind zwar von verschiedenen Faktoren abhängig, aber nur eine Kraft ist für den wahren Erfolg von entscheidender Bedeutung. Dieser Kernpunkt ist bei Schutzhund und Hundeführer das DURCHSETZUNGSVERMÖGEN.

Dabei wird die Stärke des Durchsetzungsvermögens beim

a) Schutzhund primär von seiner Aggression gestaltet.

b) Hundeführer primär von seiner Autorität gestaltet.

Die Größe der Aggression und der Autorität wiederum wird im wesentlichen von der Zielsetzung der Schutzdienstarbeit und von der Individualität der Teilnehmer bestimmt.

Das bedeutet z. B.:

1. Das Durchsetzungsvermögen von Schutzhund und Hundeführer wird bei der Beutearbeit am wenigsten beansprucht. Der Schutzhund ist ein beuteorientierter Sporthund und sein Durchsetzungsvermögen ist primär auf die Beute und den Beutebesitz gerichtet. Dabei erweckt der Helfer in diesem Schutzhundtyp das Bedürfnis, das Beuteobjekt "Schutzarm" oder - bei überzogenem Beutetrieb -das Suchtobjekt "Schutzarm" zu erbetteln oder zu erobern. Die Belastung des Sporthundes ist gering und bleibt auf den gleichförmigen, sportlichen Schutzdienst begrenzt. Denn das Ziel der Sporthundvertreter ist lediglich ein Schutzhund, der

a) in allen System-Situationen ein aufmerksames, druckvolles, freudiges und beutebezogenes Kampfverhalten zeigt.
b) den sportlichen Aktionen des Helfers konsequent standhält und entgegentritt. Demzufolge bleibt auch das Durchsetzungsvermögen des Hundeführers in der Regel auf die Systemarbeit beschränkt. Dadurch erlangt der Sporthund zwar eine trieb- und systemabhängige Führigkeit, aber meist keinen zuverlässigen Gehorsam.

2. Das Durchsetzungsvermögen von Schutzhund und Hundeführer wird bei der Sozialarbeit im richtigen Maß beansprucht. Der Schutzhund ist ein personenorientierter Schutzhund und sein Durchsetzungsvermögen ist primär auf die Person des Helfers ge-richtet. Dabei ist der "Schutzarm" lediglich eine erlernte Anbißfläche am Körper des Helfers, über die der Schutzhund den menschlichen Kontrahenten zu bezwingen versucht. Den Drang zu siegen erzeugt in diesem Schutzhundtyp vorrangig der Hundeführer.Die Belastung des Schutzhundes ist mäßig und so gestaltet, daß der Schutzhund dafür eine bestimmte Standhaftigkeit benötigt. Denn das Ziel der Schutzhundvertreter ist ein Schutzhund, der

a) in allen normalen Belastungs-situationen ein aufmerksames, druckvolles, drohendes und personenbezogenes Kampfverhalten zeigt.
b) den ernsthaften Aktionen des Helfers konsequent standhält und entgegentritt.

Demzufolge ist das Durchsetzungsvermögen des Hundeführers ein dominantes Element der Sozialarbeit. Denn der Schutzhund muß von Anfang an lernen, sich in allen ernstbezogenen Situationen zu behaupten. Dabei hat er in jeder Hinsicht gehorsam, korrekt und zuverlässig zu arbeiten. Diese Forderung beinhaltet auch, daß der Schutzhund nicht nur auf Anweisung kämpfen darf, sondern auch kämpfen muß - unabhängig von seiner momentanen Gesamtverfassung.

Dieses "Kämpfen-Müssen" ist sehr wichtig, weil nur die meutebezogene bzw. die aus dem Sozialleben resultierende Kampfmoral den echten, führigen Schutzhund garantiert.

Diese Gegenüberstellung des sportlichen und des schützenden Schutzdienstbereiches zeigt aber nicht nur die allgemeinen Unterschiede in der Schutzdienstarbeit auf, sondern macht auch die Art und Weise der Helferbeeinflussung deutlich. Der beuteorientierte Schutzhund hängt am stärksten von der Reizgestaltung des Helfers ab und kann demnach auch am stärksten vom Helfer manipuliert werden. Die Folge davon ist, daß beim Aufbau des Sporthundes der Helfer die Hauptverantwortung trägt hinsichtlich der Triebformung und der Qualität der Arbeit.

Dagegen ist bei der personenorientierten Arbeitsweise der Hundeführer der primäre "Triebmanipulator" und somit auch der primäre Gestalter des Schutzhundes. Die Folge davon ist, daß beim Aufbau des Schutzhundes der Hundeführer die Hauptverantwortung trägt hinsichtlich der Triebformung und der Qualität der Arbeit.

Der größte Vorteil der Sozialtrieb-Methode gegenüber der Beute-trieb-Methode aber ist, daß der Schutzhund den Hundeführer als Autorität respektieren lernt und deshalb im Schutzdienst wie im privaten Bereich bestens gerührt werden kann. Denn es ist eine altbekannte Tatsache, daß der Hundeführer seine Führposition im Mensch-Hund-Rudel dem Schutzhund am deutlichsten im Schutzdienst klarmachen kann und nicht in der Unterordnung, wie viele Hundführer irrtümlich glauben.

Daraus folgt: Das Verhalten des Hundes im Schutzdienst ist der beste Hinweis für den Autoritätsgrad des Hundeführers. Die unterschiedliche Triebarbeit wirkt sich unter anderem auch in den einzelnen Arbeitsphasen des Schutzdienstes aus. So zeigen die Schutzhunde mehr oder weniger deutlich verschiedene Verhaltensweisen.

Hierzu einige Beispiele:

Arbeitsphase Sporthund Schutzhund
STELLEN + VERBELLEN allgemein. Verbell-position allgem. Verbellverhalten Schutzarmseite des Helfers

ungeduldig, sehnsüchtig, freudig, bettelnd in Richtung Schutzarm; meist hohe Tonlage

frontal vor den Helfer

drohend, angespannt, auffordernd in Richtung Helfer; meist tiefe Tonlage

ÜBERFALL + MUTPROBE allgem. Angriffsziel allgem. Angriffsverhalten

Schutzarm des Helfers

freudig bis besessen

Person des Helfers

drohend bis feindselig

KAMPFVERHALTEN allgemein Schutzarm zerren, rütteln, rucken, freudig und stolz herumtragen; der psychischen Belastung ausweichen; Tendenz: vom Helfer weg Schutzarm zusammen-pressen, an Helfer drücken, nur kurz tragen; der psychischen Belastung standhalten; Tendenz: zum Helfer hin
AUSPHASEN allgemein freudig erregt, bettelnd, viele Ersatzhandlungen; kaum Selbstbeherrschung; Belastung und Tendenz wie Kampfver-halten ernst auffordernd, drohend, kaum Ersatzhandlungen; viel Selbstbeherrschung; Belastung und Tendenz wie Kampfverhalten

Die Zusammenfassung der vorstehenden Ausführungen ergibt folgende Sachlage:

1. Der Kernpunkt in dem Beute- und Sozialbereich der Schutzarbeit ist bei Schutzhund und Hundeführer das Durchsetzungsvermögen.Dieses Element wird beim Aufbau des echten, führigen Schutzhundes ergänzt durch die Bestandteile Standhaftigkeit, Gehorsam und Disziplin.
2. Der primäre Triebmanipulator und Verhaltensgestalter ist beim Sporthund der Helfer und beim Schutzhund der Hundeführer.
3. Die verschiedenartigen Kampfverhalten der einzelnen Schutzhund-typen zeigen, daß Kampftrieb nicht gleich Kampftrieb, Führigkeit nicht gleich Führigkeit, Schutzarbeit nicht gleich Schutzarbeit und Schutzhund nicht gleich Schutzhund ist. Deshalb ist zwischen sporthundbezogener und schutzhundbezogener Tätigkeit klar zu unterscheiden.

 



nach oben

© by JMK! Digitales Mediendesign 1999 - 2001