Das Verstehen und Vermeiden von Aggressionsverhalten bei Hunden
|
Beseitigung des aggressiven
Verhaltens
|
|
Die meisten Hundebesitzer reagieren in einer Art verzweifelter Tatenlosigkeit auf die aggressiven Verhaltensstörungen ihrer Hunde. In der ersten Phase leugnen die liebenden Besitzer einfach, dass überhaupt ein Problem besteht und sind nicht bereit, über Lösungen zu diskutieren. Die meisten Menschen, die mit diesen Problemen leben müssen, versuchen das Verhalten Ihres Hundes zu entschuldigen, indem sie beispielsweise sagen: Er knurrt nur Fremde an oder Der Briefträger hat etwas an sich, das den Hund aufregt oder Er ist so eifersüchtig, dass er jedermann anknurrt, der sich mir nähert oder Er hat nur nach dem Kind geschnappt - nicht mal einen Kratzer hat es gegeben. Was halten Sie von folgenden Instruktionen? Machen Sie keine plötzlichen Bewegungen. Lassen Sie ihn auf sich zukommen und schnüffeln. Seien Sie nicht nervös. Wenn ich ihm sage - alles Okay - können Sie sich langsam hinsetzen. Solange ich ihm bestätige, Sie sind Okay - wird für ihn auch alles in Ordnung sein. Aber stehen Sie um Himmelswillen nicht plötzlich auf oder heben Ihre Stimme, dann könnte er beißen. Sonst ist der Hund sanft wie ein Lämmchen. Wie wirkt sich so eine Erklärung auf den freundlichen Besuch eines Freundes aus? Das Traurige ist, dass derartige Entschuldigungen keine Aggressionsprobleme lösen und ihre Folgen verheerend sein können. Menschen werden gebissen, Strafbefehle flattern ins Haus, jedermann geht vor Gericht und die Wahrscheinlichkeit, den geliebten Hund aufgeben zu müssen, ist durchaus real. Weshalb empfinden Menschen eine Art Zwang, das aggressive Verhalten Ihres Hundes zu entschuldigen? Wahrscheinlich glauben sie, es könne wirklich nichts getan werden - und es wäre zu schmerzhaft, über die sich daraus ergebenden Konsequenzen nachzudenken. In vielen Fällen ist es die immer wieder versuchte Methode, nach Muster des Vogels Strauß vor einer unangenehmen Wahrheit den Kopf in den Sand zu stecken. Diese Menschen lieben ihre Hunde und könnten überhaupt nicht in Betracht ziehen, sich von ihnen zu trennen. Aber je nach Rechtslage könnte die Entscheidung eines Gerichtes sie zwingen, gerade das zu tun. Einige Hundebesitzer bilden sich ein, das Problem könnte sich von selbst lösen, der Hund werde sich mit zunehmendem Alter bessern oder das Problem sei gar nicht so schlimm wie es scheint. Ein anderer Selbstbetrug gaukelt vor, das gefährliche Verhalten des Hundes mache ihn zu einem guten Wachhund. Diese Denkart reflektiert fehlenden Wirklichkeitssinn oder mangelndes Wissen über hundliches Verhalten -oft beides. Hat Ihr Hund wirklich ein Aggressionsproblem, können Sie es nicht endlos lang ignorieren. Sie schulden sich selbst, Ihrer Familie, Ihrer Umwelt und Ihrem Hund herauszufinden, was dagegen getan werden kann. Wenn Sie ernsthaft daran interessiert sind, spezifisches Aggressionsverhalten zu lösen, finden Sie in diesem Kapitel viele Hilfen. Sie müssen aber zunächst den Typ der Hundeaggression definieren, Grundlage sind die Tests und Aggressionsmerkmale, die in Kapitel 3 ("Wie aggressiv ist Ihr Hund wirklich ?") näher aufgeführt sind. Unbedingt müssen Sie Ihren Hund zur vollkommenen zur Unterordnung erziehen, Näheres zeigt Kapitel 4 ("Wie erzieht man aggressive Hunde zur Unterordnung")! Wenn Sie Verhaltensstörungen wirklich lösen wollen, können wir nicht genug betonen, dass Unterordnungserziehung des Hundes der wichtigste Schritt in Richtung auf eine Lösung bedeutet. Die Erziehung des Hundes ermöglicht Ihnen, Kontrolle über ihn zu gewinnen, umfasst die richtigen Korrekturmaßnahmen zur Beseitigung von Aggressionsverhalten. Die Problemlösungstechniken dieses Kapitels werden sehr viel effektiver durchzuführen sein, nachdem Ihr Hund zur Unterordnung erzogen ist. Zusätzlich zum Unterordnungstraining als wichtigem Schritt zur Lösung von aggressiven Verhaltensproblemen, gibt es zwei allgemeine Prinzipien, Verhaltensstörungen zu lösen, die beide von größter Wichtigkeit sind. Diese sind Sozialisation und Desensibilisierung. Sozialisation. Viele aggressive Hunde können hiervon profitieren. Das Prinzip besteht darin, Aggressionsverhalten zu mindern, indem man die Hunde mit so vielen Menschen und Situationen konfrontiert wie möglich. Indem man die Hunde ermuntert, mit neuen Menschen und Örtlichkeiten zu kommunizieren, werden angenehme Verbindungen aufgebaut, so dass die Hunde ihre Furcht und ihr Misstrauen nach und nach verlieren. Natürlich reicht es keinesfalls aus, wenn Ihr Hund nur innerhalb der eigenen Familie soziale Kontakte erlebt. Der Hund muss lernen, Freunde, Verwandte, den freundlichen Postboten und alle Menschen, die Sie besuchen, zu akzeptieren und sie nach Möglichkeit auch angenehm zu finden. Ein wichtiger Teil der Sozialisation von Hunden besteht darin, dass man sie so vielen wie möglich neuen, verschiedenartigen Umweltsituationen vertraut macht, einschließlich Parks, verkehrsreichen Straßen, Autos und Verkehrslärm, Menschenmassen und anderen Hunden. Sie müssen lernen, dass Jogger, Skateboardfahrer, Fahrradfahrer und andere ihnen nicht vertraute Menschen und Gegenstände, die sich schnell bewegen, ein Teil ihrer Umwelt sind. Menschen, die auf dem Land oder in den Vorstädten leben, machen im Allgemeinen den eigenen Garten zum Zuhause ihres Hundes. Die Gefahr dabei besteht darin, dass diese Hunde höchst wahrscheinlich unsozialisiert bleiben, territorial aggressiv werden, angriffslustig gegen alles ihnen Unbekannte, aber auch gegen einiges, das sie schon kennen. Um einen Hund richtig zu sozialisieren, muss man ihm gestatten, Kontakte innerhalb und außerhalb des eigenen Zuhauses aufzubauen und als Familienmitglied zu leben. Man sollte ihn nach Möglichkeit im Hause schlafen lassen. Menschen, die Sie besuchen, begeben sich im Allgemeinen nicht eigens in den Garten, um den Hund kennen zu lernen. Wenn der Hund immer im Garten eingesperrt ist, hat er keine Gelegenheit, diese Menschen zu treffen, zu lernen, wie er mit ihnen umzugehen hat. Ein ganz wichtiger Gesichtspunkt zur Sozialisation von Hunden ist, dass die gesamte Familie am Aufziehen und Ausbilden des Hundes teilnimmt. Ein Hund muss mit allen Arten von Menschen in Kontakt kommen und die Möglichkeit haben, sie zu lieben, um ein wirklich sozialer Hund zu werden. Desensibilisierung. Wenn man Hunde häufig Menschen oder Situationen aussetzt, die sie erschrecken, bedrohen oder herausfordern, kann man sie gegen all dies desensibilisieren, indem man angenehme gedankliche Verbindungen für sie schafft. Eine der Methoden, furchtsame oder aggressive Hunde zu desensibilisieren, ist die Sozialisation wie oben beschrieben. Je mehr Menschen und Räumlichkeiten der Hund begegnet, umso mehr wird er sozialisiert. Bemühungen um Desensibilisierung müssen so früh wie möglich beginnen, unabhängig davon, wie jung der Hund ist. Hat man erkannt, dass der Hund furchtsam oder aggressiv ist, muss man sofort entschlossen daran gehen, dieses Verhalten zu ändern. Versuchen Sie nie, aggressives Verhalten des Hundes zu rechtfertigen, indem Sie sich einbilden, er werde dadurch zu einem großartigen Wachhund, er werde seine Familie schützen, oder indem Sie einfach glauben, er möge keine Fremden. Keine dieser Vorstellungen hat Bestand. Zu den verschiedenen Hilfen, die dazu beitragen, aggressive Hunde zu desensibilisieren, gehören zielgerecht eingesetzte Futterleckerbissen. Verhält der Hund sich Fremden gegenüber scheu oder aggressiv, sollte gerade der Fremde jedes Mal, wenn er in Kontakt mit dem Hund kommt, ihm einen Leckerbissen geben. Dies schafft eine angenehme Beziehung zu diesem Menschen und erzeugt positive Empfindungen, wenn der Hund das nächste Mal auf ihn trifft. Nach und nach wird so der Hund gegenüber den meisten Menschen vertrauensvoller und weniger aggressiv. Vorsicht - wenn Ihr Hund futter-aggressiv ist, darf dieses Mittel nicht eingesetzt werden. Eine andere Methode, den Hund zu desensibilisieren, ist der Gebrauch von Motivatoren - Bälle, Spielzeug, Frisbees oder irgendetwas anderem, das die Hunde erregt und ihnen Freude bereitet. Durch Einsatz dieser Motivatoren und ihre gedankliche Verknüpfung mit neuen Menschen, Plätzen oder Situationen werden Sie in der Lage sein, Ihren Hund neu zu konditionieren -mit weniger aggressiven Reaktionen; er wird besser in die Lage versetzt, sich mit seiner Angst oder Aggression zurecht zu finden. Einige Hunde leiden an Phobien, beispielsweise Angst vor Lärm. Desen-sibilisierung ist wahrscheinlich die einzige wirksame Technik, Aggressionsverhalten zu beeinflussen, das Folge von Phobien ist. Zur Minderung der Furcht vor Lärm hat sich als gute Desensibilisierungstechnik ein Rekorder bewährt, der über das Tonband verschiedenartige Geräusche wiedergibt, beispielsweise Donner, Unwetter mit schweren Regenfällen, Feuerwerkskörper, laut tönende Autohupen, Gewehrschüsse und verschiedenartige andere erschreckende Geräusche. Solche Bänder kann man nach einigem Suchen bei Spezialanbietern finden. Die Behandlung beginnt, indem man speziellen Lärm, der den Hund erschreckt, in sehr geringer Lautstärke vorspielt. Dabei sollte der Hund sich nahe beim Besitzer befinden, der ihm laufend gut zuredet. Viel verbales Loben, Streicheln, eine ganze Menge braver Junge, sogar gelegentliche Futterleckerbissen, wenn sich die Reaktionen an Intensität abschwächen. Durch derartige Desensibilisierungslektionen kann man in ganz kleinen Schritten langsam den Geräuschpegel anheben, beseitigt möglicherweise dadurch die Phobie. Manchmal werden Sie staunen, wie schnell ein Hund eine solche Furcht überwinden kann. Wie zieht man aus diesem Kapitel den besten Nutzen? Die Erziehungstechniken in diesem Kapitel versuchen, spezifische Aggressionsprobleme durch Rekonditionierung des Hundes zu lösen, also durch Einsatz von Korrekturen, Ablenkungen und Umpolen, wann immer der Hund unerwünschtes Verhalten zeigt. In vielen Fällen ist die Technik auf den gleichen Prinzipien aufgebaut wie das Unterordnungstraining, nämlich Loben und Korrigieren. Das einzelne Verhaltensproblem wird nach dem Ort seines Auftretens klar identifiziert - beispielsweise in der Küche, im Garten, im Auto und so weiter. Die Lösungsvorschläge berücksichtigen das Alter des Hundes. Ein Lösungsvorschlag erfolgt jeweils für Hunde, die unter einem Jahr alt sind, die anderen Lösungsvorschläge gelten für ältere Hunde. Der folgende Abschnitt Schlüssel zur Problemlösung enthält zehn einzelne Techniken, um Verhaltensstörungen zu lösen. Anstatt die einzelnen Techniken in jedem Problemfall zu wiederholen, bitten wir Sie, den Schlüssel zur Problemlösung genau zu studieren und danach eine oder mehrere der zehn Techniken zu wählen, die durch Name und Nummer identifiziert sind. Einige Probleme erfordern mehrere Techniken zur Problemlösung, die gemeinsam wirken. Vielleicht versuchen Sie bei einigen Störungen mehr als eine Technik auszuprobieren, wenn sich die erste nicht als erfolgreich erweist. Studieren Sie zunächst einmal den Schlüssel zur Problemlösung, ehe Sie sich mit den Darstellungen spezifischer Probleme befassen. |