Das Verstehen und Vermeiden von Aggressionsverhalten bei Hunden

Wie wurde er so ?
 

Unser Haushund ist ein Nachfahre des Wolfs und hat mit seinem Vorfahren zahlreiche Verhaltensmuster gemeinsam. Obwohl die mit Menschen zusammen lebenden Haushunde sich in vielerlei Hinsicht vom Wolf unterscheiden, ähnelt doch ihre Reaktion auf verschiedene Umweltfaktoren oder soziale Vorgänge ganz bemerkenswert der ihrer wilden, frei durchs Gelände streifenden wölfischen Vettern. Dies erklärt, warum einige aggressive Reaktionen des Hundes völlig normal sind - und trotzdem gleichzeitig in einer Familie oder der menschlichen Gemeinschaft, in der er lebt, völlig abzulehnen sind.

Wenn man Wölfe oder Wildhunde und ihre Überlebensstrategien beobachtet, sagt uns der gesunde Menschenverstand, dass ihre Aggressivität nicht nur natürlich, sondern absolut notwendig ist. Als Fleischfresser müssen sie ihre Beute müde jagen, packen und töten, damit sie ihren Magen füllen können. Dies sind Merkmale aggressiven Verhaltens, diktiert durch Hunger und den Drang zum Überleben. Die Beziehungen zwischen Beutegreifern und Beutetieren lässt uns keine andere Wahl, als die uns bestürzende Harmonie der Natur zu akzeptieren. Die Grausamkeit des zwingenden Ergebnisses, wenn ein Tier das andere der Nahrung wegen tötet, zeigt uns einen wichtigen Aspekt aggressiven Verhaltens. Er ist nicht von Ärger oder Wut geprägt, sondern einzig und allein von dem verzweifelten Wettlauf um das Leben zwischen Jäger und Gejagten.

Das Kontrastprogramm ist der Kampf und Dominanz in der Wolfsmeute, er wird mit großer Härte und Wut geführt, obgleich das rituale Verhaltensmuster die Gefahren erheblich mindert. Anders als bei der Jagd scheinen diese Auseinandersetzungen von der Wut gesteuert, aber paradoxerweise führen sie nur selten zum Tod. Aggressionsverhalten kann auch durch Auseinandersetzungen aufgrund von Verletzungen der Rudelordnung entstehen wie auch durch das Eindringen von Nichtrudelmitgliedern in das Territorium.

Kein Verhaltensmuster ist bei Wölfen und bei bestimmten aggressiven Hunden klarer ausgedrückt als die Verteidigung des Territoriums. Wichtig ist, das Aggressionsverhalten des Wolfes mit dem Verhalten aggressiver Hunde zu vergleichen, insbesondere wenn das Hundeverhalten gegenüber Menschen drohend und gefährlich wird. Das Verhalten des Haushundes wurzelt im natürlichen Verhalten der Wölfe und der Wildhunde. Obgleich wir nur die Symptome der Aggressivität unserer Hunde sehen und nicht mit absoluter Sicherheit deren Ursache kennen, ist es sicherlich doch vernünftig, sie als Übersteigerungen der erblichen Natur und - in vielen Fällen - als Entartungen zu betrachten.

Das natürliche Verhalten von Wölfen, Hunden und anderen Caniden ist angeboren, für ihre Spezies charakteristisch, es wird von Generation zu Generation übertragen. Bestimmt bedarf es normalen Aggressionsverhaltens für den Schutz des Rudels, für die Jagd nach Nahrung und zum Schutz des Territoriums. Wenn wir überhaupt etwas über die Hunde, mit denen wir zusammen leben, verstehen wollen, müssen wir uns immer ihrer natürlichen Veranlagung bewusst sein.

Natürliches Hundeverhalten

Zusätzlich zu den uns bekannten Vorzügen der Hunde oder der einzigartigen Persönlichkeit von Einzeltieren, die wir einmal gekannt haben, gibt es bestimmte Reaktionen, die als natürliches Hundeverhalten gesehen werden können. Der Hund reagiert auf Ereignisse, äußere Umstände und Sinnesstimulationen, und diese Reaktionen sind in gewissem Umfange voraussehbar, entwickelten sich über Millionen von Jahren. Diese allgemeinen Verhaltensmuster sind ererbt und haben sich als biologische Tatsachen über die ganze Familie der Caniden entwickelt, also bei Wölfen, Kojoten, Schakalen, Hyänen, Füchsen, wilden und domestizierten Hunden. Übertragen wird dieses allgemeine Verhaltensmuster von Generation zu Generation durch die DNA (Desoxyribonucleinsäure (Säure - acid), für jedes Tier jeder Rasse jeder Spezies. Hunde und ihre Verwandten gehören zur Spezies der Carni-voren (oder Carnivorae = Fleischfresser). Genau diese Tatsache hat auf die körperlichen und seelischen Merkmale größten Einfluss, ermöglicht das Überleben in der freien Natur wie auch in der Gemeinschaft mit Menschen. Instinktive, angeborene Taktiken, Strategien und Handlungen in Richtung auf Überleben, Fortpflanzung und Schutz stehen in einem direkten Zusammenhang zum aggressiven Verhalten der Hunde, wie wir es kennen.

Alle Hunde sind genetisch programmiert, auf spezifische Reize in einer Art zu reagieren, die charakteristisch für ihre Spezies ist. Dies gilt für einen acht Pfund leichten reinrassigen Flauschball, der im Schoß des Luxus lebt, wie für den 40 Kilo schweren Mischling, der als Mitglied eines verwilderten Rudels durch die Städte streunt. Natürlich hat das über viele Generationen dauernde Zusammenleben von Haushunden und Menschen einen Anpas-sungsprozess an die Erwartungen des Menschen ausgelöst, das natürliche Verhalten des Hundes abgeändert. Die Domestikation hat auch die Notwendigkeit natürlicher Aggressionen vielfach beseitigt. Die Verantwortung für Futter, Unterkunft und jeden anderen Aspekt des Überlebens für Familienhunde liegt heute voll beim Menschen. So hat die Domestikation die eine oder andere Abweichung im Evolutionspool gebracht. Richtig betrachtet hat gefährliches Verhalten von Familienhunden heute keine natürliche Funktion mehr, man kann es als Abweichung von dem interpretieren, was heute für den Durchschnittshund als normal erwartet wird. Diese Aussage gilt natürlich nicht für das kontrollierte Aggressionsverhalten, ausgelöst durch Schutzhundetraining oder für die natürlichen Instinkte, Mitglieder der eigenen Familie und das eigene Territorium zu schützen (siehe auch Rudelführer und Territorium im weiteren Teil dieses Kapitels).

Hunde leben mit Menschen nunmehr weit über zehntausend Jahre zusammen, das hat ihr Verhalten so verändert, wie es nötig war, um sich der Zivilisation anzupassen. So ist beispielsweise ein Wolf als Rudelführer ein aggressives Tier, das seine Dominanz mit Furcht auslösenden Drohungen, zuweilen auch harter Disziplin aufrechterhält. Hunde in der menschlichen Gesellschaft mit analogem Verhalten würden als anormal und völlig unakzeptabel angesehen.

Nachstehend die sechs wesentlichen Elemente hundlichen Grundverhaltens, sie sind die Basis, auf der Persönlichkeit und Eigenschaften des Haushundes beruhen. Wichtig ist hier festzuhalten, dass nach lausenden von Generationen der Domestikation sich das Verhalten einiger Hunde von diesen Grundlagen entfernt hat, allerdings nur in bescheidenem Maß.

1. Wölfe wie Hunde sind Rudeltiere, sie unterliegen der instinktgebundenen Notwendigkeit, in einer Gruppe zu leben.
2. Sie entwickeln soziale Beziehungen, Zuneigungen wie Abneigungen.
3. Zum Überleben ihres Rudels bedarf es eines Führers.
4. Sie brauchen ihr eigenes Territorium und verteidigen dieses nachhaltig.
5. Sie suchen ihren Lebensunterhalt durch Jagd auf Beutetiere.
6. Sie paaren sich, bekommen Welpen und betreuen ihre Nachzucht, bis diese selbstständig geworden ist.

Das Rudel

Die natürliche Bestimmung von Wölfen wie Hunden ist das Zusammenleben in einer Gruppe, Jagen im Team, Aufbau einer Rudelstruktur, Paarung auf selektiver Basis und gemeinsames Aufziehen der Jungtiere. Dies alles sind Rudelinstinkte, zu ihnen gehört auch die Notwendigkeit, zusammen zu leben und zusammen zu arbeiten. So ist die Gesellschaft der Hunde organisiert.

In seinem Leben als Haushund überträgt der Hund diese Ansprüche, soweit er vermag, auf die menschliche Familie. Aus dem Blickwinkel des Hundes bildet das Zusammenleben mit Menschen eine andere Form des Rudellebens, selbst wenn dieses nur aus einem Menschen und einem Hund besteht. Dank des Rudelinstinkts passen sich Hunde unseren Wohnverhältnissen an, entwickeln Qualitäten, die wir so besonders schätzen, beispielsweise ihre ungewöhnliche Freundlichkeit, ihren Wunsch zu gefallen, ihre emotionale Bindung an uns, und in vielen Fällen auch den Schutz, den sie uns schenken. Die meisten Hundefreunde sind ganz sicher, dass ihre Hunde sie lieben.

Jede einzelne Geschicklichkeit, die sich in bestimmten Hunderassen entwickelt hat, ist eine Spezialität unter den Alltagsaufgaben eines Rudelmitglieds im gemischten Rudel. Wölfe oder Hunde, die im Rudel leben, müssen zusammen arbeiten, um durch Nase oder Auge Beutetiere aufzufinden. Die erstaunlichen Fähigkeiten bestimmter Hunderassen, die sich zum Hüten (und Schützen) von Schafen und Rindern entwickelten, stammen beispielsweise aus den angeborenen jagdlichen Geschicklichkeiten des Wolfsrudels. Zu dessen verschiedenen Jagdtechniken gehört das Manöver, die Gruppe der Beuteuere auseinander zu jagen und sie in die Richtung zu treiben, wo andere Rudelmitglieder den Beutetieren auflauern. Auf diese Art sondern sie die kranken, schwachen oder sehr jungen Tiere von der Herde ab, so dass sie als Nahrung erlegt werden können. Alle Rudelmitglieder schützen ihre Beute vor anderen Raubtieren, wenn notwendig mit der gleichen Entschlossenheit, mit der einige Haushunde ihr Territorium schützen. Starkes Aggressionsverhalten bei Haushunden ist häufig eine Übertreibung - möglicherweise eine Entartung - natürlichen Rudelverhaltens im Hinblick auf das Jagen von Beutetieren, Aufbau der Rangordnung oder Schutz des Territoriums.

Wölfe sind Außenseitern gegenüber, die versuchen, sich einem geordneten Rudel anzugliedern, recht intolerant. In aller Regel werden derartige Eindringlinge wie Aussätzige weggetrieben. Solche Situationen können Kämpfe erfordern, die für den einen oder anderen Wolf ein schlechtes Ende nehmen. Dies gilt ganz besonders, wenn die Nahrungsvorräte knapp sind. Dieser Aspekt des Rudelverhaltens hat für den Haushund eine besondere Bedeutung, der laufend andere Hunde oder Menschen, die sein Territorium betreten, wegjagt oder angreift. Das Rudelerbe lässt uns die Aggression einiger Hunde, deren Verhalten sonst unerklärlich wäre, verstehen. Das Aggressionsverhalten des Haushundes ist mehr auf seinen Instinkt als auf Umweltfaktoren zurückzuführen. Manchmal scheint etwas völlig unlogisch, wird erst verständlich, wenn man die Abhängigkeit des Hundes von seinen Instinkten betrachtet. Das Leben eines einsamen Wolfes in der Wildnis ist eher Schicksal als freiwillig gewählt. Der auf sich selbst gestellte Wolf ist in seinen Jagdmöglichkeiten zur Nahrungsbeschaffung eingeschränkt. Ohne Hilfe anderer Wölfe kann er kein großes Beutetier erjagen, muss sich mit geringerer Beute zufrieden geben. Das Rudel überlebt, wo Einzeltiere versagen. Ein einsamer Wolf führt ein isoliertes Leben, es ist unvollständig, er ist Gefahren gegenüber, die oft hinter der nächsten Kurve lauern, sehr verletzlich.

Ein typischer Hund wird fester Bestandteil der Familie - des Rudels. Dies geschieht mit unglaublicher Leichtigkeit aufgrund seiner sozialen Veranlagung, seinem Wunsch, innerhalb eines Rudels zu leben, und - aufgrund der Sehnsucht des Menschen, einen Hund zu besitzen. Freundliche und liebevolle Behandlung führen zum Erfolg. Nur wenige Säugetieren leben in so hoch organisierten Gruppen wie Wölfe, Hunde und Menschen. Sie sind natürliche Gegebenheiten.

Soziale Bindungen

Hunde lösen bei Menschen starke Emotionen aus, weil sie ein starkes Bedürfnis nach Gemeinsamkeit zeigen und aufgrund ihrer rückhaltlosen Akzeptanz von Pflege und Liebe, die man ihnen großzügig schenkt. Dieses Verhalten ist Folge des Instinkts, die Rudeleinheit zu erhalten, sich gegenüber den anderen Rudelmitgliedern so freundlich und liebenswert wie möglich zu verhalten. Die Überlebenschance des Rudels ist abhängig von seiner Fähigkeit, ein eigenes Territorium aufzubauen, erfolgreich zu jagen, harmonische Verhältnisse zu schaffen und darin zu leben. Zu den wichtigen Aspekten des caniden Verhaltens gehört die Paarung bestimmter Rüden mit bestimmten Hündinnen, um Nachwuchs zu zeugen und gemeinsam aufzuziehen.

Die dauerhafteste Form sozialer Bindung ist die Paarbindung zwischen Wolf und Wölfin, in der Regel gefolgt von Paarung und Geburt der Welpen. Aber nicht jedes Rudelmitglied des Wolfsrudels darf sich paaren. Der Rudelführer gestattet oder verbietet einzelnen Rudelmitgliedern, sich am Fortpflan-zungsprozess zu beteiligen, ziemlich häufig schließt er auch sich selbst dabei aus. Die Rudelmitglieder, die sich nicht fortpflanzen, werden in der Regel zu Tanten und Onkeln, teilen die Arbeit, helfen bei der Aufzucht der Welpen. Einige Rüden und Hündinnen, die sich paarweise verbunden fühlen, verlassen das Rudel und bilden ein neues. Das Gleiche gilt für Jungwölfe, wenn sie einmal in der Lage sind, selbstständig zu überleben.

Es lässt sich überhaupt nicht vermeiden, dass ein kräftiges jüngeres Rudelmitglied früher oder später den Rudelführer hinsichtlich der Führerschaft herausfordern wird. Wenn dies geschieht, zerbrechen in aller Regel einige soziale Bindungen innerhalb des Rudels. Alter und Tod haben die gleiche Wirkung. Solche Ereignisse haben zeitweilig eine destabilisierende Wirkung. Wenn aber wieder eine neue Rangordnung aufgebaut ist, akzeptiert das Rudel sie schnell. Genau wie Wölfe bilden auch Haushunde wichtige soziale Beziehungen, meistens mit Menschen, gelegentlich aber auch mit anderen Hunden (oder anderen Haustieren). Dies alles sind Langzeitbeziehungen, nach menschlichen Wertbegriffen wärmende und liebevolle Freundschaften.

Der Rudelführer

Das Überleben eines Wolfsrudels ist abhängig von seiner Führung. Ein Wolfsrüde oder Hunderüde wird aufgrund seiner selbstbewussten Persönlichkeit, Aggressivität - in einigen Fällen seiner Größe und Stärke - zum Rudelführer. Der Rudelführer ist ein Tier, das seine Position rein aufgrund der Kraft seiner Persönlichkeit rechtfertigt. Diesen Rudelführer nennt man auch Alphawolf. Die Rudelführung wird häufig geteilt mit der Alphahündin, sie ist aber dem Alpharüden untergeordnet. Auch diese Stellung wird in der Regel durch reine Gewalt erreicht, Aggressionsverhalten in der reinsten Form.

Wölfe und Hunde verlangen instinktiv einen Führer, wenn ihr Rudel überleben soll. Dies überträgt sich auch auf den Familienhund. Instinktiv wird der Hund diese Rolle selbst übernehmen, wenn niemand anderes bereit ist, sein Führer zu sein. Hundebesitzer müssen wissen, dass ein Hund nur von denen die Führerschaft akzeptiert, die dominante Persönlichkeiten sind und zumindest mit einem bestimmten Grad an Autorität auftreten.

In der freien Wildbahn fressen dominante Hunde oder Wölfe als Erste nach der Jagd von der Beute, haben vor allen die erste Wahl. Diese Rangordnung wird in aller Regel durch Aggressionsverhalten aufgebaut, das schon früh im Leben eines Hundes auftritt, man kann es bereits bei den Welpen am Gesäuge ihrer Mutter beobachten. Es gibt hier immer ein oder zwei, die sich beim Saugen die stärkste Zitze nehmen, daneben einige, die darum kämpfen müssen, überhaupt an die Milchbar zu kommen. Ein Wurf junger Hunde kann als ein Mikrokosmos eines ausgewachsenen Hunderudels gesehen werden. Manchmal verwandelt sich aggressives Spiel der Welpen in der Art zuckender Blitze zu ernsthaften Konflikten, die ebenso schnell erlöschen wie sie begonnen haben. Wenn diese Junghunde über eine Zeit von mehr als sechzehn Wochen als Gruppe zusammenbleiben, entwickeln sich ihre Persönlichkeitsstrukturen in dominant oder subordiniert.

Jedes Wolfsrudel, jede Hundemeute wird von einem sehr ernsthaft wirkenden Führer dominiert, den alle fürchten und dem sie gehorchen. Die ganze Meute beobachtet seine Reaktion auf alles Ungewöhnliche, ehe sie selbst reagiert, beispielsweise wenn ein Eindringling in den inneren Bereich des Territoriums vorstößt. Der Rudelführer kontrolliert die Jagd, kämpft gegen Herausforderer, verlangt in jeder Situation die Unterordnung des Rudels.

Selbstbewusstsein und die Dominanz des Rudelführers erkennt man, wenn er mit aufgerichteten Ohren kerzengerade steht, Rute steif, unbeweglich. Er starrt seinen Gegner mit durchdringenden Augen an, ohne zu zwinkern. Manchmal entblößt er seine großen Zähne hinter den hochgezogenen Lefzen, schickt dem anderen Hund aus tiefer Kehle ein drohendes Knurren entgegen. Dies reicht völlig aus, um die meisten Herausforderer zu erschrecken, löst in aller Regel alle Probleme - der untergeordnete Wolf nimmt seine niedrigere Stellung ein, legt die Ohren zurück, klemmt seine Rute zwischen die Hinterläufe. Kommt es zum Kampf, wird die Dominanz bestätigt, wenn der Rudelführer sich über seinen Herausforderer stellt, der sich auf den Rücken wirft und in einer Geste der Unterwerfung Bauch und Kehle schutzlos preisgibt. Dies ist eine Geste, die man auch bei Welpen beobachtet, wenn sie auf dem Rücken liegen, Pfoten nach vorne gestreckt. Solch ritualisiertes Verhalten beendet den Kampf, entscheidet die Auseinandersetzung, so dass das Leben danach wieder seinen gewohnten Gang geht.

Im Winter bewegen sich die Wölfe auf einer einzigen Linie in stetigem Trab durch Wind und Schnee, jeder Wolf tritt in die Fußstapfen des vor ihm laufenden. Am Kopf der Linie befindet sich der Alpha. Er bestimmt den Weg, zerteilt die Schneeverwehungen mit seinem Körper, setzt erste Spuren für die anderen, die ihm folgen, führt sie in besseres Jagdgebiet. Er - nur er - ist der Rudelführer.

Territorium

Das Territorium von Wölfen kann sowohl zehn bis fünfzehn Quadratmeilen klein oder hunderte von Quadratmeilen groß sein. Die soziale Organisation der Wölfe beruht auf der Rudelbildung, diese lässt sich ohne ein bestimmtes Territorium nicht aufrechterhalten. Die Größe des Rudels darf niemals den Nahrungsvorrat des Territoriums übersteigen. Haben Wölfe kein Territorium, verpaaren sie sich nicht, bekommen keine Welpen. Ein Wolfsrudel erwirbt sein Territorium, wenn es von anderen geräumt wurde oder das Territorium wird in einem neuen Gebiet besiedelt.

Ein solches Territorium hat viele Pfade und Wege, die in der Regel auch von anderen Tieren, ja auch von durchziehenden Wolfsrudeln benutzt werden. Die Rudelmitglieder verteidigen nicht immer jede Quadratmeile ihres Jagdbereichs. Sie werden aber ernsthaft aggressiv gegenüber Eindringlingen in den inneren Bereich ihres Territoriums, denn das ist der Raum, wo sie schlafen, fressen und ihre verschiedenen Lebensfunktionen ausüben.

Da Wölfe auf ihrer ständigen Suche nach Nahrung in gewissem Maße Nomaden sind, verändert sich auch der geschützte Innenbereich des Territoriums, wenn sie durch große Jagdgebiete ziehen. Der Innenbereich besteht in der Regel aus einem Lager - meist einer Höhle, einem Tunnel oder ausgegrabenen Mulden - und ist für die Fortpflanzung von großer Bedeutung.

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass in unseren Wohnungen der Hund einen Schlafkäfig als den Innenbereich seines Territoriums ansieht - das gilt auch für eine Ecke des Zimmers, das gesamte Zimmer oder gar das ganze Haus mit umliegendem Garten. Einige Hunde sehen auch die Nachbarschaft als eigenes Territorium, möglicherweise die gesamte Stadt, in der sie leben, werden erregt oder gar gefährlich, wenn jemand anderes diesen Bereich betritt. Dies ist ein typisches Beispiel möglicher übersteigerter territorialer Aggression.

Jagen

Aufspüren, Anschleichen und Hetzen der Beutetiere sind die wichtigsten Bestandteile der Jagd auf Nahrung. Die hoch entwickelten Sinne des Wolfs -Geruch, Sicht und Gehör - erlauben ihm, mit großer Geschicklichkeit auf die Jagd zu ziehen. Einen anderen Weg zur erfolgreichen Jagd bietet die Erinnerung an bestimmte Straßen, die wandernde Herden beim Durchzug durch das Territorium wählen. Zu den jagdlichen Geschicklichkeiten gehört auch die Entwicklung neuer Strategien und Taktiken, um eine Herde in die wartenden Kiefer des Rudels zu treiben; Trennen einzelner Tiere aus der Herde, so dass sie ergriffen werden können; Jagdtechnik des Rudels zum gemeinsamen Angriff auch großer Tiere. Viele dieser Jagdtechniken sind ein erblicher Bestandteil der Hundenatur. Und sie liegen immer dicht unter der Oberfläche, warten darauf, auf Dinge zu reagieren, die sich bewegen. Es ist schon seltsam - als Haustiere lebende Hunde haben keinerlei Notwendigkeit zu jagen, wenn man daran denkt, wie gut sie von ihren Familien gefüttert werden. Trotzdem schlummern in ihnen Jagdtriebe, die plötzlich ausgelöst werden können.

Für das Hüten von Schafen und Rindern gezüchtete Hunde werden dazu erzogen, nur einige dieser natürlichen Jagdinstinkte zu nutzen. Das Gleiche gilt für Hunde, die als Schutzhunde gezüchtet werden. Terrier sind Jagdhunde, die auf die Arbeit unter der Erde spezialisiert sind, auf Füchse oder andere in Erdbauten lebende Tiere wie Kaninchen, Ziesel, Maus und andere. Vorstehhunde spüren ihre Beute auf, stehen vor und apportieren nach dem Schuss. Die verschiedenen Meutehunderassen wurden von Züchtern geschaffen, um Beutetiere, dank ihrer gut entwickelten Sinne der Nase oder der Augen, aufzuspüren und zu verfolgen. Greyhounds, Whippets, Afghanen, Salukis und andere Windhunderassen erblicken nicht nur ihre Beute, sondern sind auch schnell genug, um sie in schnellem Galopp einzufangen.

Das Nachjagen auf alles und jedes, das wegläuft, resultiert aus einem angeborenen Hetzinstinkt. Hierzu braucht der Hund weder hungrig, noch ärgerlich oder bedroht zu sein, er jagt allem nach, was sich in Sichtweite schnell bewegt, sei es Tier oder Mensch. Nachjagen ist eine rein instinktive jagdliche Reaktion. Es bedarf bei vielen Hunden dafür keines starken Auslösers, insbesondere wenn sie beute-aggressiv sind.

Paarung

Fortpflanzung und Aufzucht eines Wurfes lösen bei erwachsenen Hunden wie Wölfen aggressives Verhalten aus. Beispielsweise müssen Rüden oft mit ihren Geschlechtsgenossen um das Privileg der Paarung kämpfen. Eine säugende Hündin wird jedem unerwünschten Geschöpf gegenüber aggressiv, das ihrem Nachwuchs zu nahe kommt oder die Welpen gar gefährdet. Ein Wolfsrüde wird niemals während der ersten zwei bis drei Wochen nach der Geburt die Höhle einer säugenden Wölfin betreten, er könnte es schmerzhaft bezahlen. Seine Aufgabe ist es, vor der Höhle freundlich das Futter abzuliefern und sich dann schnell zurückzuziehen.

Die Unterschiede zwischen Hunden und Wölfen sind aber bei ihrem Sexual- und Fortpflanzungsverhalten recht leicht zu erkennen. Ganz typisch - Hündinnen werden zweimal jährlich heiß (Östrus), Wölfinnen nur einmal. Dies wird zu einem ganz wichtigen Unterschied, wenn es darum geht, ob die Hündin den Rüden akzeptiert. Gegenüber sexuell zudringlichen Rüden werden Hündinnen, die nicht heiß sind, aggressiv und weisen furchtlos ihre Annäherungsversuche zurück. Wölfinnen paaren sich einmal jährlich, Hündinnen zweimal (wenn man es ihnen gestattet oder die Umstände es ermöglichen).

Dieser Unterschied zwischen den zwei Arten ist vermutlich eine Folge der Populationsbeschränkungen, die die Natur dem Wolfsrudel aufgezwungen zu haben scheint. Das Überleben des Wolfsrudels ist von der Größe des Jagdgebietes und vom verfügbaren Futter abhängig. Hat ein Rudel zu viele Mäuler zu füttern, könnte leicht die Nahrungsgrundlage erschöpft werden. Die Lösung scheint die Natur darin gefunden zu haben, dass die Wölfin nur einen Östruszyklus jährlich hat, dadurch um die Paarung ein härterer Wettbewerb besteht und die Wolfspopulation so eingeschränkt wird. Das gilt aber nicht für Haushunde.

Rüden zeigen ihre Sexualität anders als Hündinnen. Wenn es um Sex geht, sind sie viel aggressiver und gewillt, sich mit jeder Hündin, die dazu bereit ist, zu paaren. Im Allgemeinen streunen sie von zu Hause aus über größere Distanzen, fordern deshalb intensiveres Unterordnungstraining. In der Nähe einer heißen Hündin wird selbst der best erzogene Hund unzuverlässig, schwer zu behandeln, zuweilen aggressiv, wenn man ihn an der Verfolgung der Hündin hindert. Während der Hitze muss der Hündinnenbesitzer sorgfältig darauf achten, dass sie nicht frei umher läuft und sich mit dem nächstbesten Rüden paart. Nicht nur, dass dadurch unerwünschte Schwangerschaften entstehen, solches Zusammentreffen kann auch aufgrund von aggressivem Verhalten zu Verletzungen führen.

 



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