Das Verstehen und Vermeiden von Aggressionsverhalten bei Hunden

Ist Ihr Hund aggressiv ?
 

Wenn du mich liebst, musst du auch meinen Hund lieben! Das ist eine menschliche Einstellung, die wir heute nur noch selten offen angesprochen hören. Tatsache'ist aber, dass viele Menschen unverändert tief so empfinden. Hunde sind unsere Lieblingshaustiere, weil sie sich so vorzüglich in jede Familie eingliedern oder einfach eine Familie schaffen, wo zuvor keine bestand. Obgleich Hunde häufig für Kinder gekauft werden, lassen sich nur wenige Erwachsene nicht von dem überschwänglichen Glücksgefühl eines Hundes anstecken, für den die größte Erfüllung darin besteht, in Gesellschaft von Menschen zu leben. Ein Problem dabei ist, dass nicht alle Hunde gegenüber allen Menschen freundlich auftreten. Tatsächlich haben viele Hundeliebhaber entdeckt, dass ihre Hunde sich zuweilen recht aggressiv, feindlich oder sogar gefährlich zeigen, und sie wissen nicht, was sie dagegen tun sollen.

Trotzdem gibt es keinen einzigen Hund - auch nicht den aggressivsten -der nicht zumindest das Herz eines einzelnen menschlichen Wesens zu gewinnen vermag. Die meisten Menschen lieben nahezu alle Hunde, selbst Tiere, die aggressiv sind. Und ihre Gründe sind verständlich.

So etwas wie einen perfekten Hund gibt es nicht. Vielmehr sind es wichtige positive Eigenschaften, auf die man achten sollte, wenn man sich einen neuen Hund ansieht, ihn als Familienmitglied aufnehmen möchte. Ein angenehmer Hund ist ein fröhlicher Hund, aufgeschlossen, liebevoll, sozial, verspielt und sehr freundlich. Der Hund Ihrer Wahl sollte der liebenswerteste junge oder ausgewachsene Hund in der ganzen Welt sein. Er darf Menschen gegenüber nicht scheu sein oder sich in fremdem Umfeld oder bei ungewohntem Lärm ernsthaft erschrecken. Wenn er sich hinter Menschen oder Mobiliar verbirgt oder wegläuft, ist er offensichtlich scheu oder furchtsam. Sie sollten immer in der Lage sein. Ihren Hund am ganzen Körper zu berühren - an jedem einzelnen Körperteil - ohne dass der Hund sich dabei aggressiv oder furchtsam zeigt.

Besitzen Sie bereits einen Hund und möchten einen zweiten dazu nehmen, achten Sie immer darauf, dass dieser-dem jeweils anderen Geschlecht angehört. Dies garantiert nahezu, dass es zu keinen Raufereien kommt. Wenn der Neuzugang ankommt, sollten Sie die zwei Hunde nicht direkt zusammen lassen. Als Erstes macht man sie auf neutralem Gelände miteinander vertraut, in einem Park oder einem anderen ruhigen Gebiet in der Nachbarschaft. Keinesfalls sollte man sie im eigenen Haus erstmals einander gegenüber stellen. Nach dem ersten Bekanntmachen sollte man sie nach Möglichkeit zwei Wochen getrennt halten, so dass der neue Hund Gelegenheit hat, sich eng an die Familie anzuschließen. Dies ist äußerst wichtig. Wenn man das unterlässt, wird sich meist der neue Hund dem bereits vorhandenen eng anschließen, anstatt der Familie. Oft entsteht dadurch ein scheuer oder aggressiver Hund, der sich den einzelnen Familienmitgliedern gegenüber leider reserviert verhält. Können Sie die beiden Hunde über die ersten zwei Wochen nicht völlig trennen, sollten Sie versuchen, den Junghund, zumindest für sechs bis acht Stunden am Tag, von dem Senioren zu trennen und ihm viel Zeit geben, damit er sich in die Familie integriert.

Es ist immer falsch, gleichzeitig zwei Hunde zu kaufen. Warten Sie von Hund zu Hund zumindest sechs Monate oder ein Jahr. Jeder Hund braucht individuelle Betreuung, die nicht möglich ist, wenn man gleichzeitig zwei neue Hunde hat. Der eine Hund wird vielleicht scheu, der andere aggressiv. Familienhunde brauchen viel dringender Menschen als Artgenossen.

Einen Hund ins Haus zu holen und mit ihm zusammen leben zu lernen, ist ein großes Ereignis und eine beachtliche Ergänzung des Alltagslebens. Schon wenige Minuten nach seiner Ankunft wird der Hund zum Familienmitglied, schafft es, sich in die Herzen aller zu schleichen, denen er begegnet. Der Hund ist dann ein vierbeiniger Verwandter, der in der menschlichen Umwelt eine einzigartige Rolle als Freund, Gefährte, Arbeiter und - in einigen Häusern - als Schutzhund übernimmt. Ein Hund ist ein enger Vertrauter, der immer zuhört und den besten Rat erteilt, weil er gar nichts sagt. Der Hund gehört zu den wenigen festen Bezugspunkten, auf die ein Mensch in unserer unvorhersehbaren, sich ständig wandelnden Welt zählen kann. Entsprechend tief empfinden wir unseren Hunden gegenüber und neigen dazu, ihnen alle ihre Fehler zu vergeben, sind diesen gegenüber häufig völlig blind.

Einige Menschen erwarten Schutz von ihren Hunden und tun alles, um sie so zu erziehen, dass sie unfreundlich und drohend wirken - insbesondere gegenüber Fremden. Diese Hundebesitzer irren! Sie glauben, das Furcht einflößende Verhalten ihres Hundes gegenüber Außenstehenden der Familie sei etwas Gutes. Bedauerlicherweise verstehen diese Hundebesitzer nur selten den Unterschied zwischen echtem Schutz, und unkontrollierter Aggression. Und wer immer Hunde liebt, sollte auch erkennen, worin der Unterschied zwischen einem Schutzhund und einem Hund, der einfach nur aggressiv ist, liegt.

Ein Schutzhund ist ein sorgfältig ausgebildetes Tier, das spontan auf die Kommandos seines Führers reagiert. Berufstrainer lehren den Hund, seinen Besitzer und dessen Eigentum zu verteidigen, gleichzeitig müssen diese Hunde fest unter Kontrolle ihres Besitzers oder Führers stehen. Ein ausgebildeter Schutzhund weiß genau, was man von ihm erwartet, das allerwichtigste aber - er ist ein völlig gehorsames Tier. Im Kontrast hierzu steht der aggressive Hund - er ist ein gefährliches Tier, weil sein Handeln nicht voraussehbar ist und nicht kontrolliert werden kann.

Aggressives Verhalten bei Hunden ist manchmal ererbt und lässt sich schon früh im Leben des Tieres erkennen, also während er noch ein Junghund ist. Derartige Welpen werden nur zu häufig durch sorglose, ignorante oder inhumane Züchter, deren einziges Motiv der Profit ist, in unsere Welt gebracht. Sie haben nicht die geringste Vorstellung oder Sorge, wie viel Schaden sie dabei anrichten.

Bei diesem "Züchtertyp" hat das Fehlen richtiger Sozialisation während der kritischen Entwicklungsstadien des Welpen nachhaltigen Einfluss auf das Verhalten des Hundes als Erwachsener. Äußerstenfalls können Sie von einem solchen nicht sozialisierten Hund als Familienhund erwarten, dass er sich für die Erziehung als weniger anpassungsfähig erweist, aber dennoch zu beherrschen ist. Im schlimmsten Fall wird ein falsch sozialisierter Hund hochaggressiv und gefährlich sein. Sozialisation ist ein Prozess menschlicher Betreuung in freundlicher, liebevoller Art ab der dritten bis zur sechzehnten Lebenswoche - deshalb liegt der Schlüssel zum angenehmen Hund beim ver-antwortungsbewussten Züchter.

Aggressionsverhalten kann auch Ergebnis eines ständig feindlichen oder bedrohlichen Umfelds sein, mit dem ein Hund während einzelner Lebensabschnitte konfrontiert wird. Hunde, die auf sich selbst gestellt überleben wollen, können aggressiv oder furchtsam werden, weil sie sich selbst verteidigen müssen oder um Nahrung oder ihr Lager zu kämpfen haben. Aggressionsverhalten ist außerordentlich häufig die Antwort auf körperliche Strafen. Harte Strafen, Missbrauch von Ausbildungstechniken und alle Formen negativen menschlichen Verhaltens schaffen nahezu immer Aggressionsverhalten bei Hunden.

Törichte Menschen, die vorsätzlich ihre Hunde quälen, um sie zu Schutzhunden zu machen, erzielen häufig andauerndes, unkontrollierbares Aggressionsverhalten. Sie ermuntern ihre Hunde oder lehren sie. Fremde anzubellen, zu knurren oder anzugreifen. In den USA liegt das Problem darin, dass es im gesamten Land etwa 250 Millionen Fremde für den Hund gibt - die meisten von ihnen sind Gesetze respektierende Bürger. Für solche Hunde ist aber jedermann ein Fremder und sie werden ihn ohne ein Bekanntmachen durch ihre Besitzer bedrohen, jagen oder gar angreifen. Derartig falsch behandelte Hunde bellen und beißen, ohne irgendwelche Unterschiede zu machen. Deshalb sind Menschen, die hundliche Aggression tolerieren oder gar noch fördern und nichts unternehmen, um solches Verhalten zu ändern, persönlich für alle Hundebissverletzungen haftbar. Dies führt in aller Regel zu gerichtlichen Auseinandersetzungen, Arztrechnungen und beträchtlichem emotionalen Stress. Außerdem ist hiermit auch noch die moralische Tatsache verbunden, dass Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit eines Hundebesitzers einem unschuldigen Menschen Schaden zufügen.

Natürlich ist Beißen nicht die einzige Form des Aggressionsverhaltens von Hunden. Wenn ein Hund Joggern, Spaziergängern, fremden Hunden, Autos, Fahrrädern, Rollerblades und allem möglichen anderen nachjagt, zeigt er sich dabei aggressiv. Nachhaltiges und drohendes Bellen ist eine andere Form von Aggressivität, gleich ob aus dem Inneren eines Autos heraus oder hinter einem Zaun. Auch territoriales Markieren (Urinieren oder Kot absetzen) im Haus sind Ausdruck von Dominanzverhalten und gehören zum Aggressionsverhalten. An der Leine zerren, Menschen anspringen. Schnappen, auf und über Zäune springen. Entlaufen, sexuelles Belästigen von Menschen und verschiedene andere Handlungen und Reaktionen, sie alle sind im weitesten Sinne Bestandteile von Aggressionsverhalten. Solche Handlungen können gefährlich, erschreckend oder Furcht erregend wirken, je nach den Umständen und Grad der Intensität. Das Ganze wird noch verschlimmert durch die jederzeit bestehende Möglichkeit, dass der Hund einen Menschen, der versucht, ihn vom Aggressionsverhalten abzubringen, beißt.

Der allererste und wichtigste Schritt um ein Aggressionsproblem zu lösen besteht darin, das Stadium des Leugnens zu überwinden und offen zuzugeben, dass ein Problem tatsächlich existiert. Tatsache ist, dass die meisten Hundebesitzer ihre Hunde lieben, als wären sie ihre eigenen Kinder. Sie übersehen und vergeben nahezu jede Art negativen Verhaltens, gleichgültig wie aufregend oder gefährlich dieses für sie selbst oder andere sein mag. Hundebesitzer müssen aber lernen. Aggressionsverhalten ihrer Haustiere klar zu erkennen und auch zu bekennen. Dies ist ganz wichtig, wenn das hundliche Verhalten geändert und unter Kontrolle gebracht werden soll. Der allererste Schritt der Problemlösung besteht darin, nicht länger zu leugnen, dass es ein Problem gibt und keine weiteren Ausreden zu suchen.

Deshalb müssen Hundebesitzer lernen, wie Aggressionsverhalten identifiziert wird, ganz gleich ob bei einem Welpen, halbstarken oder voll ausgereiften Hund. Nur dann können die richtigen Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Dadurch kann man verhindern, dass das Problem permanent wird und bereits bestehende Probleme reduzieren.

Nachstehend eine Definition, die jedermann bei der Feststellung hilft, ob er einen aggressiven Hund hat:

Aggressives Verhalten bei Hunden - unabhängig von Größe, Typ oder Alter - umfasst drohende Haltungen oder Reaktionen, insbesondere Knurren, Fauchen und Schnappen als Warnung oder jeden Versuch, eine körperliche Verletzung zu verursachen.

Wichtig ist die Erkenntnis, dass es dem aggressiven Hund um die Übernahme der Führung geht und er alles daran setzen wird, sie zu erlangen. Aggressionsverhalten hat klare Ziele, hiervon gibt es nur wenige Ausnahmen.

Wenn ein Hund bellt, kann dies die Reaktion auf die Anwesenheit eines Fremden sein, auch eine ernsthafte Warnung an den Eindringling. Bellen kann auch durch einen anderen Hund ausgelöst sein, Ausdruck von Aufregung, Einsamkeit oder Langeweile. Es kann sich schlichtweg aber auch um eine dumme Gewohnheit handeln, hinter der überhaupt keine Ursache steht. Wenn aber ein Hund knurrt oder droht, die Zähne fletscht, bedeutet dies meist eine klare Drohung gegenüber einem Menschen oder einem anderen Hund. Was folgen kann, ist ein warnendes Zuschnappen mit den vorderen Zähnen, ein leichter Biss, ein oder mehrere schmerzhafte Bisse oder sogar eine wilde Attacke, wobei das Opfer auf den Boden geworfen und schmerzhaft gebissen wird. Nur ganz wenige Hundebesitzer sind dann noch in der Lage, dieses Verhalten zu stoppen, ehe es zu ernsthaften Verletzungen kommt.

Und jedermann muss einfach verstehen, dass ein aggressiver Hund durchaus bei einer Verkettung besonderer Umstände unschuldige Kinder oder Erwachsene, die sein Territorium betreten, verfolgen oder angreifen könnte. Die Wahrheit ist, dass ein aggressiver Hund meist mehr Kontrolle über seinen Besitzer und sich selbst hat, als man gerne zugeben möchte.

Beim Ordnen unserer ausgiebigen Erfahrungen mit aggressiven Hunden haben wir aggressives Hundeverhalten in zehn Kategorien aufgeteilt. Wir hoffen, dies macht das Verstehen und Arbeiten mit bestimmten Problemen sowohl für den Berufshundeausbilder als auch für den einzelnen Hundebesitzer leichter. Innerhalb jeder Kategorie beschreiben wir aus eigenen Beobachtungen das Verhalten - wann es auftritt und was seine wahrscheinliehe Ursache ist. Um diese einzelnen Kategorien näher zu beleuchten, haben wir einige Fallstudien tatsächlich aggressiver Hunde bereitgestellt, wie sie Kunden unseres National Institute of Dog Training in Los Angeles erlebt haben. Die Fallstudien beschreiben den Hund, seine Familie und sein Umfeld, den Typ der Aggression, die Ausbildungstechniken, die zur Lösung des Problems eingesetzt wurden - und was wir erreicht haben.

Hierbei muss man klar erkennen, dass akutes hundliches Verhalten jede Kombination dieser zehn Kategorien von Aggression zeigen kann. In einigen extremen Fällen kann es sogar zum gleichzeitigen Auftreten aller zehn Kategorien kommen. In welche Kategorie oder Kategorien aggressiven Verhaltens ein Hund gehört, hängt in erster Linie davon ab, ob der Hund dominantaggressiv oder Furcht bedingt aggressiv ist. Beispielsweise kann ein Hund in seinem Hinterhof territorial aggressiv sein, im Auto, bei sich zu Hause, neben seinem Besitzer oder an der Eingangstür, alle diese Aggressionen können jetzt in Verbindung stehen mit dominanter Aggression. Der gleiche Hund kann aber auch Furcht bedingt aggressiv sein, wenn er sich nicht auf seinem eigenen Territorium befindet, wo er sich sicher fühlt. Manche Hunde sind besitzaggressiv hinsichtlich Futter, Spielzeug, Menschen oder selbst der eigenen Familie, zeigen sich Fremden gegenüber aber scheu oder furcht-aggressiv. Auch das Umgekehrte kann der Fall sein, mitunter zeigt sich ein Hund scheu und unterwürfig seiner Familie gegenüber. Fremden gegenüber aber aggressiv.

Sie sollten hinsichtlich des Typs des Aggressionsverhaltens keine vorzeitigen Schlüsse ziehen, ehe Sie nicht den Hund einem Persönlichkeitstest nach Kapitel 3 unterzogen haben: "Wie aggressiv ist Ihr Hund wirklich? Tests und Merkmale der Aggressivität". Das Ergebnis dieser Tests beeinflusst die Ausbildungstechnik gemäß Kapitel 4 "Wie erzieht man aggressive Hunde zur Unterordnung?" Es könnte absolut kontraproduktiv oder sogar gefährlich sein, wenn man das Aggressionsverhalten des Hundes missdeutet und die eigene Vorsicht vergisst. Sie müssen sich immer vor Augen führen, dass Ihr Hund aufgrund von einer oder mehreren Kategorien des Aggressionsverhaltens, wie sie nachstehend aufgelistet sind, knurren oder beißen kann:

1. Dominanzaggression
6. Durch Schmerz ausgelöste Aggression
2. Furchtaggression
7. Beuteaggression
3. Übersteigerte Territorialaggression
8. Mütterliche Aggression
4. Besitzaggression
9. Hundekampfaggression
5. Durch Strafe ausgelöste Aggression
10. Umgeleitete Aggression

 

 



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